Meine liebste Lisa,
Es war ein sonniger Tag, ein Straßencafe, Mittwochvormittag.
An den anderen Tischen vier Freundinnen, ein paar einzelne Frauen und Männer, viele in Rente.
Plötzlich kam ein junger Mann, hielt seine Kappe jedem vor die Nase, nuschelte etwas von Essen, obdachlos- jeder kennt die Szene und blickt dann betreten, betroffen und kopfschüttelnd nach unten.
Nicht so der ältere Herr am Tisch neben mir. Er blickte den jungen Mann offen und direkt an. Junger Mann , warum betteln sie? Sie sind jung und gesund. Sie haben zwei Hände, zwei Beine, sie können sehen und hören. Warum arbeiten sie nicht? Warum versuchen sie nicht, durch Arbeit ihr Leben zu finanzieren? In unserem Land gibt es so viel zu tun, auch wir brauchen sie. Und obdachlos muss auch niemand sein. Stille, unendliche Stille für Sekunden.
Ja dachte ich Christina, nun applaudieren die vier Frauen am Tisch, dann die anderen. Applaus für einen älteren Mann , der sagte, was er dachte.
Eigentlich erstaunlich. Obwohl es das normalste sein sollte, nämlich offen und mutig seine Meinung zu sagen, haben wir diesen Mut vielfach verloren. Man traut sich kaum noch, auf das herz oder den Bauch zu hören, aus Angst, gegen die Politik zu verstoßen.
Beim bezahlen nahm ich mir weiterhin vor, mutiger zu sein und genau das wünsche ich auch Dir, haben wir Mut, die Dinge zu benennen, denn auch das ist ein Zeichen von Nächstenliebe.
Ich sende Dir Licht und Liebe tief aus meinem Herzen
Passe gut auf Dich auf
Christina mit Ihren Seelchen
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